Workshop 2018 in Überherrn-Berus

ankerkammer blaues wunder - schmal

GRENZGÄNGER – VOM UMGANG MIT LEICHTEN SCHALENTRAGWERKEN

Ein internationaler Workshop im Rahmen von
RESONANZEN, DIE LANGEN WELLEN DER UTOPIE
im Europäischen Kulturerbejahr 2018

Workshop und Exkursion der Gesellschaft für Bautechnikgeschichte,
des Landesdenkmalamt des Saarlandes (Fokus Organisation) und der Gemeinde Überherrn.
11.–13. Oktober 2018 in der ehem. Sendehalle Europe 1 in Überherrn-Berus / Kreis Saarlouis

 

Programm

Donnerstag, 11.10.18         Eröffnung, Keynote, Get together (abends)

Freitag, 12.10.18                 Vorträge und Diskussionen, thematisch gegliedert in zwei Teile:

– Grenzüberschreitungen – Von Erfolg und Scheitern im Schalenbau
– Schalen „in restauro“ – Vom Umgang mit grenzwertiger Ingenieurbaukunst

Samstag, 13.10.18               Exkursion: Karlsruhe (Schwarzwaldhalle), Mannheim (Multihalle) und / oder Ludwigshafen (Friedrich-Ebert-Halle)

 

Zielgruppe

Die Tagung richtet sich an Fachleute und Interessierte aus Architektur, Bauingenieurwesen, Denkmalpflege und Konstruktionsgeschichte und zielt auf eine Intensivierung des fachlichen Austauschs zwischen den Disziplinen

 

Ansatz und Leitfragen

Die 1954/55 errichtete ehemalige Sendehalle des Senders Europe 1 ist ein eindrucksvoller Großbau, dessen Dach unter Verantwortung des Architekten Jean-François Guédy und des Ingenieurs Bernard Laffaille stützenfrei als vorgespannte Schalenkonstruktion ausgeführt wurde. Ihre Baugeschichte ist dramatisch. Noch in der Bauphase zerriss das Dachtragwerk im September 1954 beim Aufbringen der Vorspannung. Kein geringerer als der „Vater des Spannbetons“, Eugène Freyssinet, sorgte anschließend für die Fertigstellung, machte jedoch ebenfalls gravierende Fehler, die Anfang der 1980er Jahre fast zum neuerlichen Versagen geführt hätten.

In gleich dreifacher Weise ist das spektakuläre Bauwerk ein „Grenzgänger“. Ermöglicht durch den seinerzeitigen Status des Saarlands wurden erstens in Planung und Realisierung die Grenzen der sonst zumeist klar voneinander geschiedenen Welten des Ingenieurbaus in Frankreich und in Deutschland überbrückt. Zweitens überwand es – wie der Schalenbau generell – in der gelungenen Verschmelzung von Tragkonzept und formaler Gestaltung die traditionellen Grenzen zwischen Architektur und Konstruktion. Und drittens machen es seine schwerwiegenden Schadensfälle zu einem paradigmatischen Beispiel für den Drang der Hochmoderne, unter dem beherrschenden Leitbild absoluter Leichtigkeit über die Grenzen des bis dahin technisch Möglichen hinausgehen zu wollen.

Die Fixierung auf dieses Ideal machte die Ausführung zahlreicher Schalenbauten zu einem Tanz auf Messers Schneide. Und selbst wenn solche leichten Schalentragwerke anfänglich (zumindest leidlich) funktionierten, wirft spätestens ihr Erhalt heute Fragen von großer Komplexität auf.

Zwischen diesen beiden Polen Wagnis und Erhalt ist der Workshop GRENZGÄNGER – VOM UMGANG MIT LEICHTEN SCHALENTRAGWERKEN angesiedelt, der im Oktober 2018 im Rahmen des Projekts Resonanzen, die langen Wellen der Utopie in eben der ehemaligen Sendehalle ausgerichtet wird.

Anhand von Beispielen sollen einerseits in einer historischen Rückschau grundlegende Fragen im Zusammenhang mit dem Streben nach dem vermeintlichen Optimum im Schalenbau und dem Umgang mit dem nicht einkalkulierten Scheitern thematisiert werden:

  • Welche Bedeutung maßen die „Grenzgänger“ des Schalenbaus dem Prognosepotenzial ingenieurwissenschaftlicher Theorie zu? Welche Rolle spielten Erfahrung und Messung, wie wurden die Realitäten und Herausforderungen der Bauausführung berücksichtigt?
  • Was kennzeichnet die Arbeitsweisen, Haltungen und Leitbilder der verantwortlichen Planer und ihre Reaktionen auf auftretende Schwierigkeiten? Welche Macht hatten Kategorien wie persönlicher Ehrgeiz, inwieweit wurden vermeintlich gesicherte „Theorien“ – bewusst oder unbewusst – vorschnell als Legitimation missbraucht?
  • Lernten die Planer aus ihren Denkfehlern, oder gab es eine strukturelle Wiederkehr von Irrtümern?

Zum anderen sollen anhand weiterer Beispiele Fragen nach dem geeigneten heutigen Umgang mit solchen grenzwertigen Tragwerken erörtert werden:

  • Welche konkreten Probleme ergeben sich aufgrund der seinerzeitigen Ausdünnung der Konstruktionen für den Bauerhalt?
  • Haben sich bestimmte Strategien für die Sanierung solch „grenzwertiger“ Bauten entwickelt?
  • Welche Haltung vertritt die Denkmalpflege zu solchen Tragwerken, insbesondere im Hinblick auf die zentralen Forderungen nach Erhalt von „Authentizität“ und „Integrität“?

Werner Lorenz und Roland May, 22.3.2018